Lieber Herr Albrecht

diesen wunderbaren Text fand ich gestern bei MELden muss ich einfach mit euch teilen.
Da ich mich nicht mit fremden Federn schmücken mag
und Mel sich bestimmt mehr über einen Kommentar von dir freut,
stelle ich hier mal die Kommentarfunktion aus 

und schick euch auf ihren Blog
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Einkaufen hat ja in den seltensten Fällen
etwas mit Besinnlichkeit zu tun,
aber gerade jetzt in der Weihnachtszeit könnte es doch
so hier und da wenigstens etwas besonnener zugehen?

Ich war eben schnell los zur Nahrungsbeschaffung
und ganz ehrlich: ich habe auch nicht viel Zeit.
Daheim hockt die Brut, drei Kinder im Wachstum
und ich sage Dir, Herr Albrecht, die schaffen was weg.

Mit Deinen Läden sind wir groß geworden,
haben unser erstes Taschengeld in die Schokoladenstäbchen investiert,
diese im orangeroten Karton mit Milchcremefüllung,
einzeln in güldenes Papier verpackt -
und es war so viel lohnender, die ganze Tafel zu erstehen,
als beim Bäcker in die Pfennigdosen zu greifen,
die wir heute manchmal ein bißchen vermissen.
Das war, als man Einkaufswagen noch nicht anketten mußte
und längst nicht alle Kassen ein Transportband hatten.

Weißt Du, Herr Albrecht,
ich habe als Kind immer Deine Angestellten bewundert,
wie sie in Windeseile ungefähr eine Million verschiedene Zahlenkombinationen
völlig ohne hinzusehen in die Kassen eintippen konnten.
Dank der Erfindung des Scanners bleibt uns nun heute
dieses Schauspiel verwehrt
aber dafür ist das Personal nun schneller als irgendein Kunde es je sein könnte!

Vor einiger Zeit stand ich wartend,
wobei ich beobachten konnte, wie eine alte Dame den Wettlauf mit Deiner Zeit verlor.
Sie war ganz klein, das weiß ich noch,
denn sie hatte Schwierigkeiten einen Joghurtbecher aus der Ecke des Wagens zu fischen
und sie hatte so ein freundliches Gesicht mit vielen Lachfalten,
und bestimmt ist sie die Lieblingsomi jedes ihrer Enkel.
Und die arme Frau rang mit ihrer Fassung, 
als der Rest des Einkaufs harsch in den Wagen geschoben wurde 
und die Falten zitterten und auch ihre Hände, 
weil sie das Wechselgeld und den Korb und den Wagen und alles
gar nicht so schnell händeln konnte
und ich hatte drei Tage lang ein schlechtes Gewissen,
weil ich ihr nicht zur Hilfe geeilt war.
Hast Du eine Omi, Herr Albrecht?

Wenn anderswo Fleischskandale oder Arbeitskraftausbeutung
immer mal wieder Themen in den Medien waren,
konnten wir uns immer auf Dich verlassen.
Schnitt ein Produkt im Test nicht gut ab,
wurde es umgehend aus dem Sortiment genommen
und immer gab es guten Ersatz für einen guten Preis.
Besondere Aufmerksamkeit gab es nur für besondere Innavationen -
ich erinnere mich noch um den Rummel,
als einige wenige Glückliche den ersten Discount-PC ergattert hatten.
Und so habe ich gelernt Dir treu zu bleiben,
ganz lange ohne drüber nachzudenken.

Wie ist das eigentlich, Herr Albrecht, kaufst Du selber ein?
Und gehst Du auch immer dorthin,
wo Du eben schon immer hingegangen bist,
sei es aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit oder vielleicht auch
aufgrund mangelnder Alternativen in der Nähe?
Was müsste passieren, damit Du etwas normal gewordenes aufgibst? 

Ich gehe ja davon aus, daß meine paar Joghurts in der Woche
nicht einmal annähernd ins Gewicht fallen
und Du deshalb gar nicht merken wirst, daß ich nicht mehr da bin.
Aber deshalb schreibe ich diese Zeilen hier, Herr Albrecht,
damit Du vielleicht doch weißt, warum ich jetzt nicht mehr Kunde bei Dir bin.

Vor einiger Zeit fiel mir auf,
daß ich begann einen anderen Supermarkt vorzuziehen.
Immer wieder fand ich eine Ausrede, warum ich lieber dorthin müßte
obwohl ich ja wußte, daß mein Einkauf dann teurer werden würde
und Sparsamkeit ist mit drei Kindern wirklich ein Thema.
Aber bis ich wirklich begriff, 
warum ich anfing meinen Gewohnheiten untreu zu werden,
dauerte es eine Weile, denn der Grund erschien mir geradezu lachhaft.

Aber eben war ich, wie oben ja bereits erwähnt,
in einem Deiner Läden einkaufen 
und nun bin ich ganz sicher, es war für mich das letzte Mal.

Kennst Du vielleicht auch diesen Witz,
wo einer berichtet, daß er sich die Zeit um seinen Geldbeutel zu zücken
dadurch ergaunert, weil er vereinzelt loses Obst und Gemüse
so auf dem Band verteilt, daß das Abwiegen quasi das Unmögliche möglich macht?
Schade ja nur, daß eigentlich jeder diese Situation kennt?

Ich habe heute Rücken, Herr Albrecht, das tut echt weh.
Eines der Kinder läuft nicht und muß oft getragen werden
und diese 25 Kilo treiben den Verschleiß voran.
Da konnte ich mich nicht gut bücken und mußte an die Omi denken
und während ich noch meinen Einkaufsbeutel hob
um nachzuweisen, daß kein Diebesgut in den Ecken des Wagens lag,
hatte die Dame an der Kasse schon die ersten zehn Artikel abgefertigt und gestapelt
und ich schwöre Dir, Herr Albrecht, ich habe echt mein Bestes gegeben
um meine Sachen da möglichst schnell vom Fleck zu bekommen
ohne Verpackungen oder Inhalt zu beschädigen
und es war mir nicht möglich.

Der Grund, warum ich zukünftig nicht mehr bei Dir einkaufen möchte,
ist der, daß man beim Markt nebenan genügend Zeit hat,
darauf zu warten, daß ich meine Sachen heil in meine Taschen tun kann
oder gar zu fragen, ob ich bei etwas Hilfe benötige?
Mein Einkauf besteht eigentlich immer aus den gleichen Dingen
und ich habe gerechnet, Herr Albrecht,
und bin zu dem Schluß gekommen, 
daß ich mir die 10 Euro Mehrkosten in der Woche leisten möchte.

Lieber Herr Albrecht,
vielleicht liest Du das hier ja doch
und vielleicht ist das ja bißchen unsere kleine Weihnachtsgeschichte?
Wenn dem so wäre, würde ich mir wünschen, daß Du einmal kurz darüber nachdenkst,
ob es nicht an der Zeit wäre,
den Menschen, die doch eigentlich immer gern bei Dir waren
einfach eine zusätzliche Minute zu schenken.

Frohe Weihnachten.